Hinter den Kulissen #1 – Umsätze im Rollenspiel

Beginnen wir mit dem interessantesten Punkt, den Umsätzen und damit dem Geld. Schlussendlich ist die Rollenspielbranche nur ein weiterer Wirtschaftszweig und egal wie unbedeutend er auch ist, Geld regiert auch hier die Welt. Alle anderen Fragen, nach Honoraren beispielsweise oder nach der Arbeitsmoral, enden schlussendlich immer bei der Geldfrage und damit bei den Umsätzen.

Die Umsätze von Prometheus Games schwanken sehr, beispielsweise abhängig davon, ob wir gerade eine Neuheit in den Handel gebracht haben, ob wir eine gute Messe hatten, ob unsere Abnehmer uns gerade bezahlt haben usw. Im Durchschnitt liegen die monatlichen Umsätze aus dem Verlagsgeschäft unter 5000 Euro. Dazu kommen Einnahmen aus dem Vertrieb. Ohne diese Einnahmen aus dem Direktvertrieb, würde es Prometheus Games schon nicht mehr geben. Wir reden hier wohlgemerkt von Umsätzen, nicht von Gewinnen! Davon abzuziehen sind Mehrwertsteuer und alle Kosten wie Versand, Verpackung, Lagerung der Ware, Honorare, Lizenzgebühren, Hostinggebühren, Genossenschaftsbeiträge, Buchhaltungskosten, Druckkosten etc. Was wir nicht zum Leben benötigen, bleibt übrig für Investitionen in neue Produkte. Das ist mal mehr mal weniger.

Marcel und ich haben in den letzten beinahe sieben Jahren weit über 100.000 Euro plus Arbeitskraft in unseren Verlag investiert und erst seit knapp einem Jahr machen wir so viel Gewinn, dass zumindest ich damit über die Runden komme (jedenfalls mit dem was meine Frau zusätzlich erwirtschaftet) und wir dennoch Investitionen tätigen können, ohne uns neu verschulden zu müssen. Natürlich nur, wenn Produkte auch erscheinen, Abnehmer ihre Rechnungen zahlen oder niemand uns auf andere Weise Knüppel zwischen die Beine wirft. Wir könnten allerdings weder beide von den Umsätzen leben (also Marcel und ich), noch könnten wir einem Dritten eine Festanstellung anbieten.

Es muss sich jetzt aber niemand ein Tränchen wegdrücken, denn tatsächlich ist die Entwicklung für uns persönlich unglaublich gut. Wir machen endlich Gewinn, die Tendenz ist steigend und es ist absehbar, dass unsere Bemühungen endlich Früchte tragen werden. Mit Früchte tragen, meine ich im Übrigen, dass ich meine Miete pünktlich bezahlen, meine Tochter auf Klassenfahrt schicken und ein wenig Geld für das Alter zur Seite legen kann. Ich rede nicht von meinem neuen Porsche.

Tränchen getrocknet? Kommen wir zum eigentlich Interessanten: Prometheus Games hat mit die besten Umsätze der Branche! Dazu ein paar Fakten: Bei uns haben Bücher in der Regel eine Auflage von 500 bis 1000 Stück pro Drucklauf. Kleinere Produkte komme auch mal mit 200 oder 300 Stück aus. Bei einem Kracher reichen 1000 Stück für ein Jahr, bei einem guten Buch für 3 bis 5 Jahre und bei einem eher schlechten Buch, wirft man die Reste irgendwann halt weg, weil die Palette im Weg steht. Wir haben in unseren Anfängen viel Geld verpulvert weil wir uns von Sätzen haben blenden lassen wie: „Es gibt in Deutschland ca. 100.000 Rollenspieler, wenn nur 5% davon Sundered Skies kaufen…“. Is klar. Wenn man DSA und SR als Platzhirsche mal vergisst, an denen kam nie etwas vorbei und an denen wird auch nichts vorbeikommen (nur meine Meinung), dann gilt ein Buch als wirklich erfolgreich, wenn es sich im ersten Jahr 500 mal verkauft. Wenn es sich in einem Jahr 1000 mal verkauft, geht man fett essen und mehr als 1000 Stück im ersten Jahr habe ich abseits der beiden Platzhirsche noch nicht erlebt. Das ist unsere Branche! Ohne sie niederzumachen oder es schön zu reden. Wir haben von Sundered Skies damals (2009) übrigens 2000 Stück drucken lassen und bis heute keine 1000 verkauft. Aktuell läuft das Buch so mit durchschnittlich 20 Verkäufen pro Monat. Ihr könnt den Rest selbst ausrechnen.

Woher ich weiß, dass wir mit die besten Umsätze der Branche haben? Ich kenne natürlich verschiedene interne Zahlen. Aber ich kann mich auch einfach umsehen und Rückschlüsse ziehen. Wie viele reine Rollenspielverleger leben von ihrer Arbeit? Mal sehen… Patric vom Uhrwerk Verlag und, ja, ich. Sonst niemand in Deutschland. Niemand.
Ok, das könnte natürlich auch daran liegen, dass alle anderen bessere Zahlen haben aber einfach nicht von ihrem Hobby Rollenspielverlag leben wollen. Könnte ja sein. Wirklich wissen tue ich das natürlich nicht aber ich kann fragen (habe ich getan) und ich kann mit Händlern und Distributoren sprechen und auch unsere eigenen Zahlen aus unserer Distribution hochrechnen (habe ich auch getan). Auf den Punkt gebracht: Hätte ich 10.000 Ratten-Grundregelwerke verkauft, würde ich kaum darüber nachdenken, ob es sich lohnt das Buch nachzudrucken, oder?! Und man kann getrost davon ausgehen, dass auch andere Verleger das so sehen. Wenn es also nur zwei oder drei deutsche Verlag mit einem höheren Produktausstoß und mehr Festangestellten als Prometheus Games gibt und unsere Situation wie beschrieben ist, dann kann man sich ein gutes Bild der Lage machen.

Zum Abschluss mal eine kleine Kalkulation, damit ihr wisst, was so ein Buch kostet. Ein Settingband für Savage Worlds hat ca. 250 Seiten, ist vollfarbig mit ca. einem Bild alle drei Seiten illustriert, mit Leseband versehen und Hardcover gebunden. Damit kommen wir bei einer Auflage von 1000 Stück ungefähr auf folgende Kosten:

  • 83 Bilder plus Cover und Layoutelemente = ca. 6000 Euro
  • Texte = ca. 1100 Euro
  • Lektorat = ca. 400 Euro
  • Satz = ca. 600 Euro
  • Druckkosten = ca. 4000 Euro

Macht ohne Schnellstarter, Werbeanzeigen, Website, Demoteam, Messestände, Flyer, kostenlose Giveaways, Marketingarbeit etc. rund 12.100 Euro. Teilweise Vorkasse, teilweise bei Lieferung, teilweise bis zu sechs Monate nach Release fällig.

Wenn ich davon ausgehe, dass ich die 1000 Stück in einem Jahr verkaufen kann (was fast nie der Fall ist) und das Buch einen angenommenen VK von 34,95 Euro hat, komme ich auf einen theoretischen Umsatz von 34.950 Euro. Erfahrungsgemäß geht ca. die Hälfte dieses Umsatzes durch Distributoren und Händler „verloren“. Bleiben mir also nach Abzug der Investitionskosten rund 5500 Euro als Gewinn vor Steuern. In der Realität fährt man diesen Gewinn entweder gar nicht oder erst nach zwei bis drei Jahren ein, weil Rollenspiele eben keine Schnelldreher sind. Die meisten kleinen Bücher fahren die Kosten sogar niemals ein. Das erklärt im Übrigen auch, warum häufiger Lizenzprodukte auf den Markt geworfen werden. Trotz Lizenzgebühren sind diese schlicht billiger, weil der dicke Posten der Illus, Logoentwicklung etc. wegfällt.

Die Rechnung ist insgesamt ein bisschen Milchmädchen und es fehlen viele Posten (bspw. eBooks) aber es geht ja auch nur um die Grundlagen.

Ich hoffe, dass damit ein bisschen klarer ist, warum man eben nicht „mal eben“ die Honorare für mehr Qualität anpassen kann, einfach mal mehr herausbringen oder spontan einen Schnellstarter drucken kann.

Soweit für heute. Im nächsten Artikel geht es dann um die vertrieblichen Zusammenhänge und die Fragen, wie wichtig lokale Geschäfte, Amazon, Messen usw. sind oder eben nicht sind.

Das Beitragsbild ist übrigens von D. Braun  / pixelio.de Vielen Dank für die Nutzungserlaubnis!

This article has 27 comments

  1. Bosnickel

    Vielen Dank für die Einsichten.

    Ich nehme dann mal an, dass ein Rollenspielautor dann dementsprechend noch weniger verdient, als ich dachte. Eher Liebhaberei als wirklich nennenswert und das erklärt auh für mich warum es so viele „freie“ Systeme gibt. Es lohnt sich dann einfach nicht diese raus zubringen, da der Markt wirklich zu klein ist.

    Würdest du dann unter die großen Fische DSA, Shadowrun und D&D (Pathfinder) packen, die dann alles andere absaugen? Bei meiner Suche nach neuen Spielern war es auch immer so, dass man in diesen drei Systemen immer leichter welche findet, als wenn man „exotisch“ d.h. ein anderes System sucht.

    Und noch einer andere Frage: Wie siehst du aus deiner Erfahrung die Aufsplittung der DSA „Marke“ in Utuhria, Myranor und Tharun, kann sich das aus deinen Ausführungen überhaupt rechen? Wenn du überhaupt dazu was sagen möchtest 😉

    Vielen Dank nochmal

    Bosnickel   

  2. Sieben

    Na, das ist mal ein interessanter Einblick ins Geschäftliche. Vielen Dank! Überzogene Ansprüche von Fans wird es trotz Transparenz natürlich immer geben, aber ich weiß es sehr zu schätzen, dass Du Dich anschickst, die Mauer zwischen Verlag und Fans ein bisschen abzubauen.

  3. Yps

    Ich werde nie wieder meckern, dass Ihr Eure Website selten updatet, Bücher zu spät raus kommen oder fragen, warum Ihr nicht noch mehr der Tripple Ace-Bücher als Übersetzung bringt.

    Sundered Skies steht auch in meinem Regal. Gelesen. Geliebt. Gespielt. Empfohlen.
    Aber gekauft bei eBay.
    Sorry.

  4. greifenklaue

    Sehr mutig (ist das das richtige Wort?) über Zahlen zu sprechen – in der Tat gibt es in der Rollenspielcommunity teils überzogene, teilds völlig überzogene Vorstellungen. 

    Ich für meinen Teil hatte mal das Vergnügen mir Ulisses vor Otrt ansehen zu dürfen inkl. Hochregallager, das hat endgültig vieles zurechtgerückt.

    Jedenfalls besten Dank für solch einen validen Artikel, weiterhin bestes Gelingen für weitere Bücher und ich bin sehr gespannt, was die neue reihe noch so zu bieten hat!

    Nice dice, Ingo aka Greifenklaue

  5. Pingback: Auflagenzahlen | Greifenklaue's Blog

  6. Backalive

    Klasse. Und vielen Dank.
    Genau so eine Form von Klarheit hat gefehlt. Und richig, als außenstehender Fan stochert man tatsächlich im Trüben, stellt Vermutungen und Schätzungen an.
    Sicher, mir ist bewußt, das auch obige Zahlen nicht exakt auf den Punkt allgemeingültig ist, aber es bietet eine Orientierung, die es vorher überhaupt nicht gegeben hat.

    Ich habe angenommen, das die Auflagenzahl eines veröffentlichten Rollenspielbuches, z.B. Sundered Skies, höher ist. Das sich das bei Stückzahlen zwischen 200 und 1.000 bewegt, hätte ich nicht gedacht.
    Damit wird mir auch klar, warum es für die Verlage nicht interessant ist, manche Produkte nachzudrucken, elbst wenn die auf Auktionsplattformen zu horrenden Preisen vertickt werden.

    Was ich nicht ganz verstanden habe: Uhrwerk und Prometheus wurden als einzige Verlage genannt, von denen die Macher leben können. Was ist dann Ulisses? Oder hab ich da was nicht verstanden?

    Danke nochmal für diesen Artikel. Ich bin schon auf den nächsten gespannt.
    Normalerweise lese ich selten solch langen Artikel, aber das hat mich interessiert. Von Anfang bis Ende.

  7. Wulf

    Bin über Arkanil hier reingestolpert. Danke für diesen Einblick, es war Interessant mal ein paar Zahlen zu sehen. Ich glaube, es würde vielen Diskussionen in Foren etc. gut tun, wenn die Beteiligten sich das hier mal vorher durchlesen würden =)

  8. Tim

    Echt toller Artikel! Dass das verlegen von Rollenspielen eher was für Idealisten, denn für Buchhalter ist, habe ich schon vermutet.

    Aber so krasse Zahlen hätte ich nicht vermutet. Danke für die Info, bin gespannt auf weitere Artikel!

  9. Daniel

    Ich denke, dass das was Du da schilderst offensichtlich ist.
    Gerne würde ich Sachen aus dem Rollenspielbereich begleiten.
    Aber ich habe im normalen Arbeitsalltag schon Abstand von Existenzgründer genommen- obwohl Sie mein berufliches Hobby sind,
    da sich damit einfach kein Geld verdienen lässt.  Wie Du schon sagtest. Wenn man davon Leben möchte…..
    Und grade in Wirtschaftsbereiche die ein Hobbythema abdecken verstehen viele auch nicht, dass man Geld verdienen möchte. Und nicht arbeitet um das Hobby Rollenspiel voran zu bringen.

  10. Pingback: Warum Illustrationen einfach viel geld kosten | Neue Abenteuer

  11. Christian Loewenthal

    Vielen Dank für eure Kommentare. Ich bin froh, dass der Artikel bislang so gut angenommen wird. Mir geht es auch keinesfalls darum zu jammern. Vor 20 Jahren hätten wir Prometheus Games vermutlich gar nicht gründen können. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass wir heute Möglichkeiten wie Digitaldruck, Crowdfunding, Onlineshops, eBooks etc. haben. Für den nächsten Artikel brauche ich noch ein bisschen aber ich lese überall fleißig mit, notiere eure Fragen und versuche in der Reihe darauf einzugehen.

  12. Unicum

    Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem typischen „Rollenspiel“-Ladenbesitzer in Karlsruhe vor ein paar Jahren (2005?) er meinte Damals: die Miete für den abgelegenen Laden kann er zahlen, für seine Wohnung und für was zu essen reicht es auch.
    Urlaub hatte er seit er den Laden betreibt nicht und für ne Altersvorsorge reicht es auch nicht wirklich. Wir diskutierten dann noch über Tradingcardgames welche eigentlich seinen Laden über wasser hielten (obwohl er dann auch sauer war das sein EK durch Internetthandel unterboten wurde).
    Nun, Thomas machte also irgendwann zu, wollte nach Berlin ziehen und dort einen Laden für Gummibärchen aufmachen.

    Mich würde eventuell auch interessieren ab wo es sich – in Deutschland, USA ist ja ein ganz anderes Pflaster – wirklich lohnt in der Branche. DSA, Shadowrun, D&D?

    ps: ich bin durch einen Link vom Midgardforum hier gelandet

  13. MK

    Mich überrascht, wie viel für die Illustrationen fällig wird – locker ein Mehrfaches des Textes.
    Wird das bei einem Nachdruck erneut fällig? Ist das typischerweise davon abhängig, ob es ein unveränderter Nachdruck ist? Wenn man ein PDF nachschiebt?
    Gibt es überhaupt einigermaßen standardisierte Verträge für Illustrationen, oder macht da jeder Verlag seinen eigenen?

    (schnuppere auch gerade vom Midgard-Forum herüber)

  14. maggus

    Toller Artikel – großartige Transparenz! Hoffentlich steigt Euer Gewinn weiter, ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn Prometheus Games künftig im Porsche auf die Con’s fährt 😉

  15. Horus

    Hallo Christian!
    Vielen Dank für diesen Einblick! Ich hoffe du wirst noch den einen oder anderen Einblick hier präsentieren.

    Mich würde mal interessieren, wie denn deine Frau/Deine große Liebe zu dem ganzen Thema Rollenspiel steht? Ich lese heraus, dass Sie einem Job nachgeht und ihr quasi mit dem gemeinsamen Geld über die Runden kommt. Immerhin könnte sie ja auch auf dem Standpunpt stehen „Arbeite was Vernünftiges, dann gibt es auch regelmäßig/mehr Einkommen“. Wenn die Frage zu persönlich ist, dann einfach ignorieren!

    Viele Grüße
    Horus

  16. Pingback: Wertanlage Cthulhu » Gelbe Zeichen

  17. Pingback: Die Nicht-nur-Rollenspiel-Nachrichten 02/2014 | Ausgespielt

  18. Frank Muscheid

    Schade, dass das neueste Smart-Phone offenbar immer mehr zählt als perfekte Rollenspielprodukte. Wäre mal interessant, wie viel Geld Rollenspieler in ihrem technischen Schnickschnack lassen und wie viel sie investieren, um eines der spannendsten Hobbies überhaupt am Leben zu halten.

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