Hinter den Kulissen #4 – Vertrieb zum Zweiten…

Der letzte Artikel ist mal wieder eine Weile her, aber die Zeit rast und es gibt mehr zu schreiben, als der Alltag oft zulässt. Ich hoffe, die Reihe ist dennoch einigermaßen interessant für euch und erfüllt ihren Sinn.

Nachdem ich mich im letzten Artikel mit den Grundlagen des Vertriebs und der Frage nach der Bedeutung des Einzelhandels befasst habe, soll es heute um den Großhandel und die Sonderfälle der Buchhandlungen und Kaufhausketten gehen.

Sind Großhändler heutzutage noch zeitgemäß?

Hier gilt ähnliches wie für den Einzelhandel. Wer seinen Verlag als Hobby betreibt und sich auf nur wenige Bücher und kleine Auflagen konzentriert, kann den Zwischenhandel komplett vergessen. Die Wirkung auf den Markt rechtfertigt nicht die hohen Margen die man abtreten muss. Interessanter wird es, wenn ein größerer Verlag aufgebaut werden soll. In diesem Fall kommen schnell ein Dutzend Paletten Ware zusammen. Diese müssen entgegengenommen, gelagert und manchmal auch verschickt werden. Rund zweihundert Händler wollen über neue Produkte informiert werden und in der Regel muss das telefonisch geschehen, da die wenigsten Händler auf E-Mails oder Faxe reagieren. Darüber hinaus müssen in Spitzenzeiten auch mal 200 Pakete oder mehr pro Tag ausgeliefert werden. Wer diesen Vollzeitjob zusätzlich zur Verlagsarbeit stemmen kann, der braucht keinen Großhändler. Wer das nicht kann, sollte lieber auf eine Großhändler wie Burst oder Pegasus zurückgreifen. Die Kosten sind es dann allerdings auch wert.

Warum gibt es so wenig Rollenspiele in Buchhandlungen?

Dafür gibt es, neben vielen strukturellen Problemen, zwei Hauptgründe. Zum einen haben die Buchhandlungen kein Interesse daran, da Rollenspielbücher ihnen thematisch fremd sind, die Bücher zu lange im Regal stehen (also Platz blockieren) und der Verkäufer sie deutlich häufiger erläutern muss, als einen Roman, einen Kalender oder Notizbücher. Zum anderen sind die Konditionen für die Rollenspielverlage zu schlecht oder genauer gesagt, zu riskant. Große Buchhandelsketten haben in der Regel zwei Budgets, eines für lokale Literatur (darunter fallen üblicherweise keine Rollenspiele, sondern Krimis mit Lokalkolorit etc.) und eines für den Zentraleinkauf. Der Zentraleinkauf verlangt dann beispielsweise je vier Bücher für 200 Filialen, sechs Monate Zahlungsziel und 100% Remissionsrecht. Wenn dann nach 3 Monaten 600 Bücher auf Kosten des Verlags zurückkommen, macht man das als Rollenspielverleger vermutlich nur einmal. Im Grunde genommen fällt das unter die Frage “Kannst du dir die Buchhandlungen als Zwischenhändler leisten?”. Die klare Antwort in den meisten Fällen: Nein.

Warum gibt es Rollenspiele denn nicht wenigstens in Spielwarenläden?

Die Antwort ist dieselbe wie oben: Es ist zu teuer, zu riskant und Rollenspiele machen im Spielwarengeschäft dieselben Probleme wie in der Buchhandlung. Sie verkaufen sich einfach nicht schnell genug und sie sind Aufwand, da sie nicht selbsterklärend sind. Tante Emma sieht auf den ersten Blick, was ein Brettspiel ist, aber was soll denn bitte dieses Rollenspiel sein? Zudem nehmen die Spiellinien im Laufe der Zeit eine Menge Platz im Händlerregal ein und drehen sich in der Kostenrechnung schlicht nicht schnell genug. Es ist nur Hörensagen, aber man munkelt, dass Rollenspiele auch zu Zeiten von Amigo und Schmidt Spiele nur aufgrund der Marktmacht ihrer Hersteller den Weg in den Handel gefunden hätten und dann bei der ersten Möglichkeit wieder rausgeflogen wären. Zudem gibt es da diese eine Sache, die von Händlern abseits der Buchbranche gehasst wird: die Buchpreisbindung, der die meisten Rollenspiele eben unterliegen.

Die Zukunft des Rollenspielmarktes…

Wer sich nun aufgrund dieser Ausführungen ratlos die Haare rauft, kann sich wieder entspannen. Seit einiger Zeit gibt es einige neue Hoffnungsschimmer am Rollenspielhorizont. Der umtriebige Spieleverlag Pegasus ist traditionell dem Rollenspiel sehr verbunden, verfügt mittlerweile über eine enorme Marktdurchdringung abseits des Hobbymarktes und ist versiert genug, um ein Rollenspiel zu entwickeln, das den Anforderungen des modernen Spielemarktes gerecht wird. Auch der Heidelbeger Spieleverlag verfügt mit Star Wars über eine sehr spannende Lizenz und durch die Nähe zu Asmodee ergeben sich eventuell neue, positive Kräfte. Die eigentliche spannende Frage ist jedoch, wie der Hobbymarkt auf einen neuen Rollenspielfrühling reagieren würde. Könnten die etablierten Verlage diese Chance nutzen? Wären sie überhaupt fähig dazu? Und wie genau könnte das geschehen? Möglichst viele alte Spiele neu auflegen wird kein gefragter Skill der Zukunft sein. Was also dann? Zumindest an dieser Stelle muss ich mich ohne Antwort davonstehlen. Es kommen ja noch einige Artikel und das Thema ist definitiv einen eigenen Beitrag wert.

Falls ihr hingegen Theorien zur Zukunft des Rollenspielmarktes habt, würde ich mich freuen, sie bereits jetzt zu lesen, gerne hier in den Kommentaren oder auch an anderen Orten.

 

Das Beitragsbild ist übrigens von D. Braun  / pixelio.de Vielen Dank für die Nutzungserlaubnis!

This article has 6 comments

  1. Peter

    Hallo,
    soweit man das als Hobby-Rollenspieler und -Autor sehen kann, ist der deutliche Trend weg vom Buch und hin zur digitalen Version, was den Zwischenhandel über kurz oder lang dann egalisiert. Auch wenn meine eigene bibliophile Seele dabei bluten mag, gehe ich davon aus, dass RPG demnächst eine Sache von Tablets, ebooks und vor allen Dingen Apps sein wird. Dann sind wir auch recht bald die Systeme los, welche mehr als 500 Seiten für die Regeln brauchen. Diese werden dann in kleinen Videos erklärt, Regeln sind dann nur noch für „Nerds“ zum Nachlesen im Paket als pdf etc. enthalten.
    Wenn die Macher es schaffen, so etwas mit Begeisterung zu erstellen und nicht wie geprügelte Hunde dabei wirken – eine Reaktion, die man aktuell immer wieder bei solchen Gesprächen bekommt – bleiben sie am Markt. Die Digitale Revolution ist genauso wenig aufzuhalten, wie es die Industrielle Revolution war. Fragt sich nur, ob die Verlage und Verleger dann Gewinner oder Weber sind.

    😉 Peter

    1. Christian L.

      Hallo Peter,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Sollte es wirklich dazu kommen, dann wird das sicherlich ein interessanter Prozess. Ich bezweifle das aber da zumindest unsere Zahlen eine andere Sprache sprechen. Ebooks verkaufen sich gut aber es gibt, zumindest bei uns, nur eine verschwindend kleine Zahl an Kunden die „nur“ PDFs kaufen. Der überwältigende Kundenteil kauft beide Produkte. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, aufgrund der Anfragen die mich erreichen, dass die meisten Kunden PDFs gar nicht wirklich als „echte“ Produkte wahrnehmen, sondern eher als nützlicher Anhang.

  2. Dom

    Ich trauere jetzt schon um meinem Laden hier in Berlin.
    Nicht nur, das durch Crowdfunding die Einzelhändler um ihre Kunden gebracht werden, schon jetzt gibt es spezielle Bundle, PDF und Buch, nur über den Hersteller.
    Einige Hersteller versuchen jetzt schon mit ihren eigenen Online Shops die Händler vor Ort zu umgehen. Und am Ende sind auch noch die Herstelle, mit ihren eigenen Shops die Großhändler und Importeure, was dazu führt, das Kunden noch vor Läden beliefert werden. Diese drei Fakten werden zum verschwinden der Läden führen, nicht ganz aber zum großen Teil. Gerade die großen in der Branche, die es eigentlich nicht nötig haben, machen ihre eigene Crowdfunding Seite. Und zu meiner eigenen Schande muss ich zugeben, dass ich auch noch mitgemacht habe, da nach durchrechnen der Kosten, ich diesen Preis nie im Laden bekommen könnte. Die Bücher werden in den nächsten 20 Jahren nicht verschwinden, dafür mögen gerade wir deutschen dieses Produkt zu sehr, was auf der anderen Seite des Teichs passiert ist eine andere Frage. Es wird mehr APPs geben, die Spieler und Spielleiter unterstützen, ob sie das Papier verdrängen bleibt fraglich. Verlage werden sich immer mehr einfallen lassen um die Kunden zu binden. Gruß Dom

    1. Christian L.

      Hallo Dom, danke für deinen Kommentar. Ich sehe das nicht ganz so kritisch. Insgesamt nimmt die Masse an Ware die schlussendlich in den Läden landet durch die Crowdfunding-Welle eher zu als ab. Nimm mal als Beispiel unser Dresden-Files-Crowdfunding: a) konnten die Händler zu den üblichen Konditionen daran teilnehmen und mussten sich das Geschäft nicht zwangsläufig entgehen lassen. Und b) würde es die Bücher ohne Crowdfunding gar nicht geben, der Handel könnte sie also ohnehin nicht verkaufen. Es gibt sicherlich negative Ausnahmen und ich würde Crowdfundings auch nicht ausschließlich positiv bewerten aber eben auch nicht durchweg negativ.

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