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Eine Kurzgeschichte
von Christian Loewenthal

Die Abläufe waren Gewohnheit. Jeder Morgen war wie der andere. Der Wecker klingelte um fünf Uhr in der Frühe. Herr Lange erhob sich, strich seiner verschlafen murmelnden Frau beiläufig über den Rücken und ging ins Bad. Genau fünfundzwanzig Minuten später, saß er in einem gestärkten Hemd am Frühstückstisch. Er strich die Zeitung glatt, deckte den Tisch, ordnete das Besteck und genoss die erste Tasse Kaffee. Pünktlich um sechs Uhr dreißig verließ er das Haus und stieg in den weißen Mercedes. Er lenkte den Wagen konzentriert auf die Straße und reihte sich in den fließenden Verkehr ein. Normalerweise brauchte Herr Lange dreißig Minuten für den Weg von der Reihenhaussiedlung in die Innenstadt; Fünfundreißig Minuten, wenn die Müllabfuhr die Lindenstraße blockierte. Die Straßen waren um diese Zeit noch nicht verstopft und so rollte sein Wagen an jedem Tag pünktlich um sieben Uhr in die Tiefgarage des Bürokomplexes. Eine Viertelstunde vor Arbeitsbeginn; Zehn Minuten vor Arbeitsbeginn, wenn die Müllabfuhr die Lindenstraße blockierte.

Dieser Tag jedoch war anders.

Ein nächtlicher Stromausfall löschte den Alarm des Weckers. Herr Lange verschlief ganze dreißig Minuten. Voller Entsetzen bemühte er sich die verlorene Zeit aufzuholen. Für Frühstück oder Zeitung war heute keine Zeit. Auf keinen Fall wollte er zu spät zur Arbeit kommen. Herr Lange kam nie zu spät!

Als er in seinen Wagen stieg, blickte er auf die Uhr – sechsuhrdreißig. Pünktlich. Er gestattete sich ein vorsichtiges Lächeln. Er hasste Hektik am Morgen und das unangenehme Gefühl etwas vergessen zu haben erfüllte ihn aber wenigstens würde er nicht zu spät kommen. Als er die Autobahn erreichte, war sein Ärger fast verflogen. In Gedanken ging er die morgendliche Routine durch und überlegte was er vergessen haben könnte. Plötzlich verlangsamte sich der Verkehr. Nach wenigen Minuten ging es auf allen drei Spuren nur noch im Schritttempo weiter. Kurz darauf standen die Autos in drei langen Schlangen still.

„Verdammt!“ Herr Lange trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Der Verkehr staute sich sonst nie so stark! Selbst bei einem Unfall, sollten drei Spuren ausreichen um den Verkehr wenigstens im Schritttempo weiterfließen zu lassen. Er würde zu spät kommen. Er kam nie zu spät! Herr Lange schaltete das Radio ein und drückte in rascher Folge die Senderplätze durch um einen Nachrichtensender zu finden. Endlich fand er einen Sender dessen Verkehrsnachrichten liefen. Ausgerechnet einer dieser modernen Jugendsender, wie er seufzend bemerkte. Der Moderator verhaspelte sich immer wieder und es fiel Herr Lange schwer den gestammelten Ausführungen des sich schwerfällig jung gebenden Sprechers zu folgen. Endlich kam die Sprache auf den Stau: „… ein Auffahrunfall im Stadttunnel blockiert alle drei Zufahrtsspuren. Die Aufräumarbeiten dauern noch an und wir bitten euch den Bereich weiträumig …“ Herr Lange schaltete das Radio ab. Er trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Dieser Tag entwickelte sich zu einer Katastrophe. Wenn ihm wenigstens einfallen würde, was er vergessen hatte. Kurz wog er seine Möglichkeiten ab, dann griff er zum Mobiltelefon. Wenn er schon zu spät kam, wollte er seine Sekretärin wenigstens informieren.

Ein durchdringendes Quietschen ließ ihn mitten in der Bewegung innehalten. Sein Zeigefinger berührte den glatten, grünen Hörerknopf ohne ihn zu drücken. Das Quietschen steigerte sich zu einem schrillen Kreischen. Ruckartig blickte er in den Rückspiegel. Eine dunkle, massive Wand füllte das Heckfenster aus und nahm ihm die Sicht. Helle Wolkenfetzen hüllten seinen Wagen ein und der Gestank verbrannten Gummis erfüllte die Luft. Ein heftiger Schlag presste ihn in den Sitz. Das Heck des Wagens knüllte sich mit einem rasselnden Knistern zusammen und irgendwas traf ihn brutal im Gesicht. Die Welt löste sich so schnell auf, dass es unmöglich war den Ereignissen zu folgen. Harte Schläge erschütterten den Wagen. Oben und unten wechselten in rascher Folge. Etwas fauchte. Brennende Luft toste durch das Wageninnere. Donnerschläge trommelten in rascher Folge auf ihn ein, bis er kaum noch etwas anderes wahrnahm. Irgendwann verlangsamte sich die Welt wieder. Oben und unten schienen noch vertauscht, wechselten jedoch nicht mehr ständig die Plätze. Blinzelnd blickte Herr Lange auf die Uhr am Armaturenbrett. Siebenuhrzweiundreißig. Er würde heute nicht mehr pünktlich zur Arbeit erscheinen. Ein LKW hatte seinen Wagen gerammt. Ein verfluchter LKW hatte seinen Wagen gerammt! Stoßweise atmete er die verbrannt stinkende Luft ein und blickte an sich hinab. Er hing schräg kopfüber in seinem Wagen, nur gehalten vom Sicherheitsgurt. Doch er lebte! Mit verkrampften Händen tastete er nach der Schließe und öffnete den Gurt. Es tat nirgendwo weh. Eilig krabbelte er aus dem Wagen und tastete seine Brust und Schultern ab. Nichts. Er schien nicht einmal eine Schramme zu haben. Ungläubig blickte er auf den sanft wippenden Haufen Metall, der einmal sein Wagen gewesen war. Von dem teuren Auto war kaum noch die Fahrerkabine übrig. Der Rest hätte ebenso gut von einem abgestürzten Satelliten sein können. Stolpernd blickte er sich um und bemühte sich um Orientierung. Irgendwo musste der LKW sein. Vielleicht war sein Fahrer auch unverletzt geblieben. Hoffentlich war er das. Mitten in der Bewegung stoppte Herr Lange.
Was da vor ihm lag, war keine Autobahn mehr. Es gab keine Autos, keine langen Metallschlangen, Motorenbrummen und gehetztes Hupen. Vor ihm lag eine gänzlich andere Welt. Zerrissenes Metall formte seltsame Figuren. Grotekse Wesen, die zwischen dicken Rauchwolken umherwankten und kaum noch auf ihre ehemalige Funktion schließen ließen. Prasselndes Feuer tauchte alles in zappelnde Lichtspiele. Die Zerstörung war so gewaltig, dass Herr Lange sie nur stückweise erfassen konnte.
Eine Frau wand sich mit wilden Bewegungen in den Überresten ihres Fahrzeugs. Die Miene verzerrt, schrie sie nutzlos auf die Flammen ein, die langsam von ihrem Wagen auf Kleidung und Haare übergriffen. Rotes Haar. Immer wieder erschütterten Schläge die Luft und ließen Rauch und heiße Luft fauchend umherwirbeln.
Tote Schweine säumten den Fahrbahnrand. Wie kommen die toten Schweine hierher? Erst jetzt bemerkte er den Geruch verbrannten Fleisches, der sich mit dem Rauch mischte. Fahrig griff Herr Lange in seine Sakkotasche. Irgendwas sollte dort sein. Doch die Tasche war leer. Nur ein einzelner Papierfetzen. Nichts Wichtiges. Er ließ ihn fallen. Langsam ging er auf die brennende Frau zu. Mittlerweile schrie sie nicht mehr. Sie zappelte auch nicht mehr. Taumelnd ging er an dem brennenden Wrack vorbei. Sein Herz schlug heftig, heftiger als in dem Moment des Unfalls aber irgendwas trieb ihn vorwärts. Menschen, vielleicht kann ich helfen?! Langsam wandte er den Blick umher. Ein Mann stolperte vor ihm durch den Rauch. Er stützte eine ältere Frau, die immer wieder von Hustenkrämpfen geschüttelt wurde. Als er sich in Richtung der Beiden bewegte, hörte er einen hellen Schrei. Eine junge Stimme. Langsam änderte er seine Richtung und bewegte sich tiefer in das Chaos. Vorsichtig umging er einen umgekippten Kleinlaster aus dem meterhohe Flammen schlugen. Nach einigen Schritten hörte er wieder einen hellen Schrei. Eine Mädchenstimme. Ganz sicher. Immer wieder den Kopf wendend stieg er über einen raus gerissenen Fahrersitz hinweg. Als er ihren nächsten Schrei hörte, sah er sie. Ein helles Gesicht hinter der Heckscheibe eines stumpf grauen Wagens. Die rechte Seite war völlig verbeult und verzogen. Offensichtlich ließen die Türen sich nicht öffnen. Die Frau entdeckte ihn beinahe im selben Augenblick wie er sie. Heftig schlug sie von innen gegen die Scheibe und schrie nach ihm. Er beschleunigte seine Schritte bis er endlich den Wagen erreichte. „Ich bin da. Ich hole sie raus.“ Tränen liefen ihr über das helle Gesicht, als sie beide Handflächen gegen die Heckscheibe presste. Blaue Augen fingen seinen Blick ein. Ein Schauer ran über seinen Rücken. Impulsiv legte er seine Hand ebenfalls gegen die Scheibe, direkt auf ihre Handfläche und lächelte leicht. „Ich hole sie raus.“ Sie erwiderte sein Lächeln und nickte heftig. Hoffnung gab ihrem Gesicht etwas Kindliches. Rasch umrundete er den Wagen und versuchte die zerschlagenen Türen zu öffnen. Mit aller Kraft riss er an den Türgriffen, doch obwohl er zog, bis seine Arme brannten, rührte sich keine der Türen auch nur einen Hauch. Er musste die Heckscheibe zerschlagen. Hektisch sah er sich um. Keine fünf Schritte entfernt lag ein verbogenes Stück Metall auf dem Boden. Der Rest eines Türholms, wie es schien. Eilig bückte er sich danach. Mitten in der Bewegung hörte er das Krachen. Im selben Atemzug rauschte ein Schatten über ihn hinweg und schlug in das Heckfenster ein. Genau dort, wo er eben noch gestanden hatte. Dort wo die Frau wartete. Dort wo jetzt die Reste eines Motorrads aus dem Heckfenster ragten. Er rannte zurück. Kaum hatte er den Wagen erreicht, sprang eine der hinteren Türen auf. Herr Lange entfuhr ein kieksendes Keuchen. Wie konnte diese Scheisstür sich jetzt öffnen?! Egal. Er eilte zur Tür und blickte in das Wageninnere; Auf die Reste der jungen Frau. Das schwere Motorrad hatte ihren Kopf glatt zerschlagen. Ihr rechter Arm lag über dem Vorderreifen, als wolle sie das Gefährt umarmen. Mit einem zitternden Keuchen prallte er zurück. Seine Hand griff wieder in seine Sakkotasche, während seine andere Hand seinen Mund bedeckte. Würgend presste er den Atem aus seiner Kehle und biss sich auf die Hand. Er hatte sie doch retten wollen. Wenn er nur ein wenig schneller gewesen wäre.
Dann wärt ihr nun beide tot.
Mit einem Aufschrei fuhr Herr Lange herum. Irgendjemand hatte gesprochen. Ganz nah bei ihm. Es war niemand da.
Natürlich bin ich da.
Wieder wirbelte er herum. Und wieder war niemand da. Ich werde verrückt, durchfuhr es ihn. Das ist zu viel, das ist alles zu viel. Torkelnd setzte er einen Fuß vor den anderen und lief, weg von dem Wagen, weg von dem zerschmetterten Mädchen.
Jetzt wärst du heute schon beinahe zweimal gestorben.
Mit einem schrillen Aufschrei presste Herr Lange sich die Hände auf die Ohren.
„Wer bist du?“, schrie er, während er schneller lief.
Er erreichte den Straßenrand und lehnte sich mit zitternden Armen auf eine Leitplanke. Nur ruhig. Es ist niemand da. Wenn niemand da ist, hast du auch niemanden gehört. Deine Sinne sind überreizt. Langsam sank er auf die Knie. Von irgendwoher drang das langgezogene Heulen einer Sirene zu ihm herüber. Die Müdigkeit traf ihn wie ein Schlag. Es begann als ein leichtes Vibrieren in Armen und Beinen und wurde zu einem krampfartigen Zittern, begleitet von einer tiefen Müdigkeit. Langsam sank er zu Boden. Die Welt begann sich zu drehen und dann kam die Dunkelheit.

Das nächste was Herr Lange wahrnahm, waren die filigranen Hände des Notarztes, der ihn mit exakt bemessenen Bewegungen abtastete.
„Sieht soweit ok aus. Er kann mit Wagen drei fahren. Keine Priorität.“, hörte er jemanden sagen. Keine Priorität? Beinahe hätte er aufgelacht. Keine Priorität war wohl etwas Gutes. Dennoch fühlte es sich abwertend an.
„Er ist wach, gut. Können Sie sprechen?“ Der junge Notarzt berührte seine Schulter mit sanftem Druck. „Hallo! Können Sie mich verstehen? Nicken Sie, wenn Sie mich verstehen.“ Wer brachte diesen Typen nur so etwas bei? Am liebsten hätte er ihm ins Gesicht geschlagen. Stattdessen fühlte er sich widerwillig nicken. „Sehr gut. Sie hatten einen Autounfall. Ihr Glück, dass Sie nicht mittendrin waren. Wir bringen Sie jetzt ins Krankenhaus. Können Sie mir Ihren Namen sagen?“
„Lange.“ War das seine Stimme? Seit wann klang er wie fauliges Laub?
„Sehr schön. Wach und orientiert. Thoraxaufnahme und CT der Lunge.“, gab der Notarzt weitere Anweisungen.
Herr Lange wurde hochgehoben. Etwas unter ihm klickte metallisch. Erst jetzt bemerkte er die beiden Rettungssanitäter neben ihm, und dass er auf einer Trage lag.
„Keine Sorge Herr Lange. Wir kümmern uns gut um Sie.“
Wie beruhigend, nicht wahr?!
Ruckartig richtete er sich auf. Die Luft wurde schwer um ihn herum und hinderte ihn am Atmen.
„Haben Sie das gehört?“, fragte er die Sanitäter.
Die Männer blickten misstrauisch auf ihn herunter.
Sie kümmern sich um dich. Doch was nützt das schon?
Mit einer krampfartigen Bewegung sprang Herr Lange von der Liege. Jetzt endgültig alarmiert, packten die Sanitäter beherzt zu.
„Nur die Ruhe. Wir helfen Ihnen.“
„Lasst mich in Ruhe!“
Panisch wand er sich in ihrem Griff.
Mit einem resignierten Augenrollen kniete der Rettungsarzt sich noch mal neben ihn und wühlte eine Spritze aus einer dunklen Tasche.
„Nein!“, mit aller Kraft lehnte Herr Lange sich gegen den Griff der beiden Sanitäter. „Ich will das nicht!“ Hektisch schlug er mit dem Kopf hin und her. Seine Fersen trommelten auf die Liege ein.
„Nur die Ruhe. Ist sicherlich nur der Schock“, versuchte der Arzt ihn zu beruhigen.
Ein leises Kichern stach in seine Ohren. Dann wurde zum zweiten Mal alles dunkel.

Als Herr Lange erwachte, sah er als erstes eine blassgelbe Wand. Nur langsam schälte sich der Rest des Zimmers aus der Dunkelheit. Beinahe so als würde es sich dagegen wehren, dass er erwachte und es in Gänze betrachten konnte. Er lag in einem kahlen Einzelzimmer. Eng, kränkliche Farbe auf kalten Wänden. Gestärkte weiße Bettwäsche, kantig und kratzig wie altes Holz. Genau der richtige Ort um krank zu sein. Seine Kehle war so ausgetrocknet, dass sie sich beim Atmen zusammenzukrampfen schien. Seitlich von ihm stand ein Becher mit Wasser auf einem Tisch. Langsam richtete er sich auf und griff mit zitternden Fingern danach. Obwohl er keine einzige Wunde davongetragen hatte, fühlte sein Körper sich zerbrochen an. Zerbrochen und falsch wieder zusammengesetzt. Die ersten Schlucken kamen kaum an seinen Lippen vorbei, so schnell saugte sein Körper die Flüssigkeit auf. Nachdem er den Becher komplett geleert hatte, sah er sich genauer um. Er lag in einem Einzelzimmer. Er trug noch seine Kleidung vom Morgen. Lediglich Sakko und Schuhe hatte man ihm ausgezogen und auf einen Stuhl neben dem Bett gelegt. Er musste unbedingt seine Frau anrufen und ihr sagen, dass alles in Ordnung war. Er hatte sich kaum die Schuhe angezogen, was eine ganze Weile brauchte, da betrat eine Schwester fröhlich lächelnd das Zimmer und erkundigte sich nach seinem Befinden. Sie erklärte ihm, dass der Stationsarzt ihn über Nacht gerne zur Beobachtung im Krankenhaus behalten würde. Nur um sicherzugehen, dass er nicht zu viel von den giftigen Dämpfen und dem Rauch eingeatmet hatte. Widerstrebend erklärte er sich einverstanden. Die Schwester lächelte noch breiter und Herr Lange wurde das Gefühl nicht los, dass sie erleichtert war. Kaum hatte er sich einverstanden erklärt, zog es ihn mit aller Macht in die Krankenhausroutine. Ein schlurfender Zivildienstleistender mit fettigen Haaren brachte ihm ein Telefon und schloss es umständlich an. Eine zierliche Schwester erkundigte sich ob er lieber Graubrot oder Schwarzbrot zum Abendessen haben wolle und notierte alles eilfertig auf einem babyrosa Klemmbrett. Sie lächelte die ganze Zeit, als hätte sie gerade das Geschäft ihres Lebens abgeschlossen. Er versuchte drei Mal seine Frau zu erreichen, doch bis auf das hohle Tuten der Leitung, erreichte er nichts. Zwischendurch rief er seine Sekretärin an und erklärte ihr die Situation. Sie mimte die Entsetzte, doch Herr Lange konnte das Lächeln auf ihrem Gesicht förmlich sehen, als ihr klar wurde, dass sie heute pünktlich aus dem Büro kam. Als es dunkel wurde, legte er sich endlich in das kalte Bett. Die Schwester hatte ihm für die Nacht einen dieser lächerlichen Patientenkittel gegeben. Er schaltete den Fernseher ein und schlief bereits beim dritten Satz des Nachrichtensprechers ein.

Er erwachte mitten in der Nacht.

Was ihn geweckt hatte, konnte er nicht sofort einordnen aber etwas hatte sich geändert. Das Zimmer war kleiner, enger. Wie ein Schraubstock schien es sich um ihn zu legen und ihn am Atmen zu hindern. Hinzu kam die Dunkelheit. Sie zog sich durch das Zimmer wie öliger Sand und nahm ihm jede Orientierung. Das Licht hinter dem fadenscheinigen Vorhang war verschwunden und auch unter dem Türspalt war kein Lichtstreifen zu erkennen. Sein Atem beschleunigte sich, wurde ruckartig. Er musste die Tür finden. Er musste hier weg. Fiebrig tastete er nach der Bettkante. Er musste nur aus diesem Zimmer raus, dann würde er auch der Dunkelheit entkommen können.
Glaubst du das wirklich?
Mit aufgerissenem Mund verharrte er in der Bewegung. Seine Muskeln spannten sich an. Es war hier. Es war keine Einbildung, keine Sinnestäuschung durch das Grauen des Unfalls. Es war real.
„Was bist du?“ Seine Stimme kam krank und verdreht aus seinem Mund. Zögerlich wie ein verängstigtes Tier.
Was glaubst du was ich bin?
„Ein Geist?“
Ein helles, abgehacktes Kichern erfüllte den Raum.
Zerbrich dir nicht den Kopf, es gibt für dich eine viel wichtigere Frage: Was will ich?
Er schluckte trocken. Was immer sich hier mit ihm im Zimmer befand, es sprach und es tötete ihn offenbar nicht. Vielleicht konnte er es nach Draußen schaffen und Hilfe holen. Langsam drehte er sich Richtung Bettkannte und richtete sich auf. Nur langsam. Keine Aufmerksamkeit erregen. Wieder dieses grelle Kichern. Mit eisigen Sägezähnen riss es an seinem Kopf.
Das glaubst du nicht wirklich, oder?! Du bleibst!
Das Kichern steigerte sich zu einem sirrenden Reißen, das seinen Schädel in Stacheldraht wickelte. Der Schmerz war so stark, dass er nicht einmal schreien konnte. Atemlos sank er zurück auf das Bett.
Siehst du? Ist doch gleich viel angenehmer. Was will ich? Was will ich? Sag es mir! Sag es mir! SAG ES MIR!
Stöhnend presste er die Hände auf die Ohren. Die Schmerzen ließen keinen Deut nach. Im Gegenteil. Er hatte das Gefühl, jemand zöge ihm die Haut vom Schädel. Was konnte das Wesen nur von ihm wollen?
»Mich foltern?« Er würgte mehr, als dass er sprach.
Grelles Kichern sprengte den Raum. Es schien unmöglich, doch der Schmerz steigerte sich noch. In hilflosen Krämpfen zerwühlte er das Bettzeug.
Das macht Spaß!
Aber nein, das ist es nicht.
Rate noch einmal!
Schluchzend rollte er sich auf dem Bett zusammen und zog die Knie an die Stirn. Tränen füllten seine Augen.
Was will ich?
Sag es mir! Sag es mir! SAG ES MIR!
Er wusste es, doch er wollte es nicht aussprechen. Heftig schüttelte er den Kopf, kniff die Augen zusammen und schlug mit der Stirn gegen seine Knie.
„Ich will nicht. Will nicht.“
Das grelle Kichern explodierte in seinem Kopf. Der Schmerz war stärker als alles was er bisher gekannt hatte. Seine Kiefer pressten sich so stark zusammen, dass seine Zähne knackten. Seine Rippen zogen sich zu kleinen Reifen zusammen.
SAG ES MIR!
„Töten! Mich töten!“, würgte er die Worte mit letzter Kraft hervor.
Ja! Ja! Immer wieder bist du mir entkommen. Aber heute stirbst du!
Plötzlich stach grelles Licht durch seine zusammengekniffenen Augenlider. Flatternd blinzelte er die Tränen fort. Eine finstere Silhouette füllte den Türrahmen aus und kam auf ihn zu.
Jetzt stirbst du! Jetzt stirbst du! JETZT STIRBST DU!
Das grelle Kichern verband sich mit dem gleißenden Licht zu einem feurigen Mantel, der seine Welt gänzlich ausfüllte. Nur das Feuer und die schwarze Gestalt.
JETZT STIRBST DU!
„NEIN!“ Mit einem abgehackten Heulen sprang er auf. „Nein, ich sterbe nicht!“ Mit aller Kraft warf er sich auf die schwarze Gestalt und schlug zu. Etwas berührte ihn am Hals, doch er wischte mit einem harten Schlag beiseite. Mit all seinem Gewicht riss er an der schwarzen Gestalt, stolperte und fiel mit ihr zu Boden. Panisch schlug er um sich. Wieder und wieder traf er die Gestalt, doch sie rührte sich nicht mehr. Irgendwann verließ ihn die Kraft und er schlug nur noch schwach gegen den dunklen Körper. Nach einer Weile war er auch dafür zu kraftlos. Erschöpft lehnte er sich gegen die Wand. Ihm war kalt. Er war müde. Aber er hatte gesiegt.
„Was sagst du nun? Wer stirbt nun?!“
Es blieb still. Zufrieden schloss er die Augen.

Fahrig rieb sich Hauptkommissar Dreger die Stirn. Beinahe vierzig Jahre Dienst in einer Großstadt und er hatte nie etwas Grauenvolleres gesehen. Eine junge Krankenschwester war im Krankenhaus Amok gelaufen und hatte während der Nachtwache fünf Patienten in ihren Betten erstochen.
Erst der sechste Patient hatte sie gestoppt.
Erschüttert blickte er auf den blutüberströmten Boden und die Leiche des Mannes, der gegen die Wand gelehnt auf dem Boden saß, als wolle er sich nur kurz ausruhen. In seinem Hals steckte seitlich ein chirurgisches Skalpell.
Wahrscheinlich hatte er den Stich nicht mal bemerkt.
Neben ihm lag die Amokläuferin.
Von ihrem Gesicht war nicht mehr viel zu erkennen.
Ein Hoch auf Namensschilder.
„Es ist unglaublich.“ Schwungvoll betrat Kommissar Lembach den Raum, verzog beim Anblick der beiden Leichen kurz das Gesicht, strahlte ihn dann aber wieder triumphierend an. Lembach war keine dreißig. Er war noch jung genug sich über Ermittlungserfolge zu freuen und zu enthusiastisch, um wirklich schockiert zu sein.
„Was ist unglaublich?“
„Der Typ hier“, damit deutete er auf die Leiche des Mannes, „hat gestern einen schweren Massenunfall auf der A1 überlebt. Bis auf ein paar Prellungen schien ihm nichts zu fehlen, sagt der Stationsarzt. Die Jungs vom Aufräumkommando haben seinen Ausweis und anderen Krempel in der Nähe seines Wagens gefunden. Das hier auch.“
Lässig warf Lembach ihm ein kleines Plastikröhrchen mit Pillen zu. Ein langer, lateinischer Zungenbrecher war in kantigen Buchstaben auf das Etikett geschrieben.
Fragend blickte er Lembach an.
„Eine Ahnung was das ist?“
Lembach strahlte über das ganze Gesicht.
„Sicher Boss. Ist ein Mittel für Schizophrene. Der Typ war irre. hat Stimmen gehört, wenn er seine Pillen nicht nahm. War aber angeblich nicht gefährlich. Sagt zumindest seine Frau.“
Nachdenklich blickte Dreger wieder auf den Toten.
Irre oder nicht, heute Nacht hatte er eine Menge Leben gerettet.

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